Wenn nicht generelle Dinge im russischen Handball-Sport geändert werden, geht der Handball in Russland den Bach runter.

Wenn nicht generelle Dinge im russischen Handball-Sport geändert werden, geht der Handball in Russland den Bach runter.

Moskau. Die russische Handball-Nationalmannschaft der Männer konnte seit 1992 zwei Weltmeisterschaften, eine Europameisterschaft und ein olympisches Turnier gewinnen. Jetzt steckt die Mannschaft in einer tiefen Krise. Für die letzte Weltmeisterschaft in Schweden qualifizierte sich das russische Team noch nicht einmal. Und jetzt?

Bei der WM davor 2009 in Kroatien sprang nur ein 16. Platz heraus. Bei den letzten beiden Europameisterschaften sieht es nicht besser aus: 2010 in Österreich – Platz 12 und 2008 in Norwegen – Platz 13.

Auch bei der diesjährigen EM in Serbien muss Russland bereits nach der EM-Vorrunde eine bittere Bilanz ziehen: Mit dem 27:30 gegen Spanien ist das Turnier gelaufen und auch die Olympischen Spiele 2012 in London dürfen die russischen Handball-Männer nur noch als Zuschauer erleben.

Das Hauptproblem ist, dass die meisten Spieler (ca. 80%) der Nationalmannschaft bei dem russischen Handball-Spitzenclub Medwedi Tschechow aus der Oblast Moskau spielen. Einige wenige kommen auch noch von Universität-Newa St. Peterburg.

Medwedi Tschechow entstand 2001, als sich die Handballabteilungen von ZSKA Moskau und Sportakademie (MAI Moskau) zusammenschlossen, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Seit 2001 hat in Russland ausschließlich Medwedi (die Bären) die russische Handball-Meisterschaft gewonnen. Die Mannschaft hat keine Konkurrenz im eigenen Land und die Spieler werden somit im täglichen Handballerleben nicht gefordert. International spielt Medwedi noch ganz gut mit, aber für das internationale Parkett der Nationalmannschaften reicht es nicht.

Ob die Mehrfachbelastung des 66 jährigen Wladimir Maximow, der in Potsdam geboren wurde, so glücklich geplant ist, bleibt auch noch offen. Von 1992 bis 2008 war er mit einer Unterbrechung Cheftrainer der russischen Handballnationalmannschaft der Männer. Nach den Olympischen Spielen 2004 in Athen übergab er das Amt vorübergehend an Anatoli Dratschow. Als die Erfolge der Nationalmannschaft ausblieben, übernahm er zur EM 2006 wieder den Trainerposten, den er nach den Olympischen Spielen 2008 wieder abgab um ihn kurz danach wieder anzutreten weil erneut die Erfolge ausblieben.

Seit 2001 ist der 172 fache Nationalspieler Maximow auch Trainer von Medwedi Tschechow. Neben dem Traineramt ist er auch Präsident von Medwedi und Generaldirektor des russischen Handballverbands. Auch hier muss nach einer Entlastung der russischen Handball-Ikone Wladimir Maximow gesucht werden.

Russland fehlen die jungen, hungrigen Handball-Spieler, die das Land braucht, um die Lücken zu schließen, die die alten hinterlassen haben. Leistungssport hat in Russland nicht mehr den überragenden Stellenwert, den er einst in der Sowjetunion hatte. Es gibt heute genug andere Möglichkeiten, um Geld zu verdienen oder um ins Ausland zu reisen, oder, oder…

Der russische Handball hat auch strukturelle Probleme. Es fehlen geeignete Hallen mit entsprechenden räumlichen Ausmaßen oder Multifunktionsarenen. Und auch finanzielle Probleme kommen noch hinzu, so muss Medwedi Tschechow mit einem Jahresetat von 3,6 Millionen Euro haushalten, rund ein Drittel dessen, was zum Beispiel dem HSV und dem THW Kiel zur Verfügung steht.

Diese Probleme müssen die Verantwortlichen im russischen Handball zwingend notwendig lösen und auch wieder eine konkurrenzfähige Liga auf die Füße stellen. Ansonsten wird der russische Handball zwangsläufig in das totale Abseits stürzen.

Harald Gleißner/sotschi-2014.RU