Ist Julia Timoschenko die „Heilige“, wie sie gerne hingestellt werden möchte? Hier bei ihren Prozess im November 2011.

Ist Julia Timoschenko die „Heilige“, wie sie gerne hingestellt werden möchte? Hier bei ihren Prozess im November 2011.

Moskau. Die Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und in die Ukraine beginnt in knapp sechs Wochen. Schon lange bevor das erste Spiel angepfiffen ist, steht die Ukraine im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit. Nicht wegen der EM, sondern wegen der inhaftierten ehemaligen Regierungschefin Julia Timoschenko. Eine Medaille hat aber immer zwei Seiten.

Der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch wird jetzt in seinem Dienstzimmer überlegen, wie er auf die weltweite Kritik reagiert, die nun auch vom großen Bruder Russland auf ihn einschlägt. Russlands Präsident Dmitri Medwedew nannte den Umgang mit Timoschenko „völlig inakzeptabel“. Ein möglicher Boykott von EM-Spielen ist in Russland aber kein Thema. Anders in Deutschland: Bundeskanzlerin Angela Merkel erwäge einen Boykott der EM und rät dieses auch ihren Ministern, schreibt der „Spiegel“.

Es ist nur schwer vorstellbar, dass die inhaftierte ehemalige Oppositionsführerin Julia Timoschenko demnächst aus dem Straflager in Charkow bzw. von ihrem Krankenbett an die Berliner Charité verlegt wird. Wahrscheinlicher ist dagegen, dass die Führung in Kiew auf Zeit spielt. Erste Vorboten dafür sind, dass der erneute Gerichtsprozess gegen Timoschenko auf den 21. Mai verlegt wurde. In diesem zweiten Prozess gegen sie drohen ihr weitere 12 Jahre Haft. Timoschenko wird vorgeworfen, in den 90iger Jahren als Chefin des ukrainischen Energieversorgers EESU durch Gasmanipulationen mehrere hundert Millionen Dollar unterschlagen zu haben.

Die ukrainische Staatsführung denkt: Ist die Europameisterschaft es einmal eröffnet, wird das sportliche Interesse die Politik überlagern. Dann dreht sich bis zum Finale in Kiew alles nur noch um Fußball. Anschließend wendet sich die Welt dann wieder anderen Dingen zu. Damit hat die Führung in Kiew auch nicht Unrecht, denn bisher wurde so immer verfahren.

Wer ist Julija Timoschenko?

Auf der einen Seite gilt Julia Timoschenko als Opfer einer Rachejustiz in der Ukraine, auf der anderen Seite ist sie aber auch eine Oligarchin – denen man zuordnet, dass sie sich das Volkseigentum der ehemaligen Sowjetrepublik mit Mafiamethoden unter den Nagel gerissen haben.

Timoschenko lehnte sich gegen Wahlfälscher Viktor Janukowitsch auf. Der heutige Präsident hatte sie deshalb vor einem halben Jahr von der ukrainischen Justiz einsperren lassen. Dieses Bild haben Timoschenkos Bewunderer im Auge. Doch sie ist auch ein äußerst raffgieriger Mensch.

Mit 19 Jahren heiratete sie den Armenier Alexander Timoschenko. Beide erwirtschafteten sich mit einem Videoverleih ihr tägliches Brot. Nach dem Untergang der ehemaligen Sowjetunion pflegte ihr Ehemann weiterhin gute Kontakte nach Russland. Das Ehepaar verdiente im undurchsichtigen Erdölgeschäft seine erste Million. Den Durchbruch brachten für Julia Timoschenko die Jahre 1995 bis 1997. Sie wurde Chefin des Energieriesen EESU und stieg zur milliardenschweren „Gasprinzessin“ auf.

Sie zählte ab sofort zum Kreis der Oligarchen. Ihr System lautete – EESU importiert subventioniertes Gas aus Russland und verkauft es mit Milliardenprofiten zu Weltmarktpreisen. Dieser Subventionsbetrug flog aber auf und sie wurde für 42 Tage in Untersuchungshaft gesteckt.

Was machte Frau Timoschenko danach?

 

Julia Timoschenko machte einen ganz geschickten Schachzug danach, den sie sich in ihrer U-Haft genau überlegt hatte – sie änderte nicht nur ihr Äußeres, sie ging auch in die Politik.

Dieses war von ihr geschickt eingefädelt worden, um ihren Einflusskreis zu erweitern und einer weiteren Strafverfolgung zu entkommen. Sie stellte sich zusammen mit Viktor Juschtschenko, der von 2005 bis 2010 Präsident der Ukraine war, an die Spitze der sogenannten „Orangen Revolution“. Beide verfeindeten sich aber danach. Juschtschenko sagt heute: „Der größte Fehler meines Lebens war Julia Timoschenko.“

2009 schließt Timoschenko als Regierungschefin mit Russland einen Gasvertrag ab. Dabei

eliminierte sie Dmijtro Firtasch als Zwischenhändler. Firtasch, seines Zeichens selbst Oligarch, finanziert die Partei von Viktor Janukowitsch. Als der 2010 die Präsidentenwahl gegen Timoschenko gewinnt, forderte Firtasch den Kopf der Verliererin. Anderthalb Jahre später verurteilte ein Kiewer Gericht Timoschenko zu sieben Jahren Haft – ein Akt von Rachejustiz, wie die Welt urteilte und urteilt.

Der Umgang mit der inhaftierten Julia Timoschenko ist einer Demokratie, wie sich die Ukraine gerne hinstellt, nicht würdig – eine „Heilige“, wie die Weltöffentlichkeit Frau Timoschenko gerne sieht, ist sie aber auch nicht.

Weitere inhaftierte Oppositionelle

 

Julia Timoschenko ist die ehemalige Ministerpräsidentin der Ukraine, damit steht ihre Inhaftierung im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Vergessen wird dabei fast, dass noch weitere Oppositionelle in der Ukraine zu langen Haftstrafen verurteilt worden sind und ebenfalls gesundheitlich stark angeschlagen sind. Und dieses grenzt dann wirklich schon fast an „Sieger-Justiz“.

Der ehemalige Innenminister Juri Luzenko, der wie Timoschenko wegen Amtsmissbrauchs verurteilt wurde, leidet nach offiziellen Angaben an Diabetes und Hepatitis.

Der ehemalige Leiter des Verteidigungsministeriums, Valeri Iwaschtschenko, wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wegen dubioser Grundstücksgeschäfte zugunsten eines Mitglieds der Timoschenko-Partei. Er hatte zuletzt wie Timoschenko über Schmerzen im Rücken und im rechten Bein geklagt. Medien berichteten, dass ihm Schmerzspritzen verabreicht worden seien. Er wurde zuletzt aus der Krankenabteilung in den normalen Teil seines Gefängnisses verlegt.

Nach Schätzungen von Beobachtern sind gut ein Dutzend ehemalige Weggefährten von Timoschenko in Haft. Die Kritik an der vom Westen gerügten angeblichen Justizwillkür und einseitigen Verurteilung nur von Oppositionellen hält sich in der ukrainischen Bevölkerung allerdings in Grenzen.

Viele Menschen in der Ukraine halten beide Seiten für kriminell. Kritisch betrachten viele Bürger zudem Vorschläge, der ehemaligen politischen Elite eine Sonderbehandlung in ihrer Haft zukommen zu lassen. Menschenrechtler hatten in der Vergangenheit immer wieder die Zustände in ukrainischen Gefängnissen kritisiert, darunter auch Misshandlungen.

Sport und Politik

Sport und Politik sind enger miteinander verbunden als allgemein angenommen. So haben sportliche Veranstaltungen immer auch eine symbolische und politische Bedeutung. Sport ist eine feste Größe in unserem sozialen – und politischen Leben geworden. Sport ist sehr viel mehr als nur Mittel physischer Stärkung.

Diktaturen und auch Demokratien versuchen unter Profilierungsgesichtspunkten vom Sport zu profitieren. Großereignisse wie die Fußball-Europameisterschaft 2012 sollen einerseits einen Beitrag zur Völkerverständigung leisten – auf der anderen Seite stellt es ein Politikum negativer Art dar, wenn als Austragungsländer diktatorische Regime bestimmt werden.

Der leittragende bei der Fußball-EM 2012 könnte der Fußball-Fan werden, der für seinen Urlaub, für seine Reise und für seine Eintrittskarten gespart hat – der sich auf ein großes friedliches und freundschaftliches Fußballfest freut und jetzt von Politikern und Sportfunktionären enttäuscht werden kann.

sotschi-2014.RU

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