[von Harald Gleißner] Sotschi. Jetzt wurde uns die Erklärung für den positiven Dopingtest bei der deutschen Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle geliefert – ein Nahrungsergänzungsmittel soll die Ursache gewesen sein, versteckt in einem chinesischen Energieriegel. Ich beschäftige mich zulange mit diesem verachtenswerten Doping, um noch an Märchen in dieser Hinsicht zu glauben.

Gestern Abend wurde der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) darüber informiert, dass auch die B-Probe bei Sachenbacher-Stehle positiv sei und ein von der Norm abweichendes Ergebnis erbrachte.Der DOSB bestätigte danach: Evi Sachenbacher-Stehle, Biathletin, ist nach dem Massenstartrennen vergangenen Montag positiv auf das Stimulans Methylhexanamin getestet worden.

 

Die 33-jährige Evi Sachenbacher-Stehle war bis Mai 2012 im Langlauf aktiv, danach mit dem Gewehr unterwegs. Sotschi waren bereits ihre vierten Olympischen Spiele, zweimal Gold und dreimal Silber hatte sie bereits im Langlauf gewonnen. Ihre zweite Sportkarriere beschrieb sie vor kurzem als „wie ein neues Feuer, das in mir entfachte, wie ein neues Leben“.

Im „Laura Biathlon Center“ in Krasnaja Poljana wurde sie Elfte im Sprint, 27. im Verfolgungsrennen, 20. im Einzel, Vierte im Massenstartrennen, Vierte auch mit der Mixed-Staffel. Somit die „erfolgreichste“ deutsche Biathletin in Sotschi. Da tut sich doch bereits die erste Frage auf: Warum wird die erfolgreichste Biathletin eines Landes in Sotschi nicht für die Frauen-Staffel nominiert, und dieses vor dem offiziellen Bekanntwerden ihres Dopings?

Methylhexanamin ist ein Stimulanz und ist im Wettkampf verboten! Warum wohl? Stimulanzien steigern die motorische Aktivität, erhöhen die Risikobereitschaft, vertreiben Müdigkeit. Hier stellt sich die nächste Frage, hat Sachenbacher-Stehle nicht in die Liste der Welt Anti-Doping Agentur (WADA) geschaut? Auf dieser sind „sämtliche bekannten problematischen Nahrungsergänzungsmittel erfasst“, sagte Mannschaftsarzt Klaus-Jürgen Marquardt; die Liste sei den Athleten bekannt. Evi Sachenbacher-Stehle hat sich dazu bisher nicht geäußert. Nur Beteuerungen von ihr, dass sie nicht mit Vorsatz gedopt hatte waren von ihr zu lesen.

Sachenbacher-Stehle äußerte sich am Freitag nur schriftlich in einer Erklärung: Sie erlebe, so ließ sie mitteilen, „gerade den schlimmsten Albtraum, den man sich vorstellen kann. Denn ich kann mir überhaupt nicht erklären, wie es zu dieser positiven Dopingprobe gekommen ist. Ich aber! Selbst entsprechende Nahrungsergänzungsmittel“ habe sie „vorher im Labor prüfen beziehungsweise mir die Unbedenklichkeit von den Herstellern bestätigen lassen, um immer auf der sicheren Seite zu sein.“ Was soll sie auch anderes sagen?

Im Fall der verbotenen Substanz Methylhexanamin sind ernstzunehmende Nebenwirkungen bekannt. Neben gesundheitsgefährdenden Wirkungen auf das Herz-Kreislauf-System wie Blutdruckanstieg, der zu Kurzatmigkeit, Brustenge und möglicherweise Herzinfarkt und Hirnblutung führen kann, traten in einem Fall nach der Einnahme eines Methylhexanamin-haltigen Nahrungsergänzungsmittels eine akute Hepatitis sowie weitere Leberschädigungen auf. Hierfür muss Frau Sachenbacher-Stehle doch eine „Risikoanalyse“ durchgeführt haben?

Sachenbacher-Stehle, wie jedes Unternehmen, muss doch für sich ganz persönlich eine individuelle Kosten-Nutzen-Analyse durchgeführt haben. Als Ergebnis kommt dann bei dieser Analyse heraus: es werden verbotene Substanzen eingenommen, wenn dadurch der erzielte Nutzen z. B. erhöhte Siegeschancen bei steigenden Preisgeldern und Einnahmen aus Werbeverträgen – die Kosten für Beschaffung und die gesundheitlichen Folgeschäden übertrifft.

Stattdessen schrieb sie, sie könne „im Moment nur allen Beteiligten ausdrücklich versichern, dass ich zu keinem Zeitpunkt bewusst verbotene Substanzen zu mir genommen habe“. Kein Vorsatz, sagt sie – was nichts am Effekt ändert: Methylhexanamin ist ein Stimulanz und ist im Wettkampf verboten!

Methylhexanamin also. Als Rang vier im Massenstart unter Dach und Fach war, war Sachenbacher-Stehles recht kritischer Blick auf die eigene Leistung schon etwas eigenartig: „Läuferisch geht’s eigentlich gut. Aber es ist immer eine da, die sich vorbeischiebt. Mir fehlt der letzte Punch auf der Strecke.“

Bereits in Turin 2006 war Sachenbacher-Stehle dem Verdacht ausgesetzt gewesen, sich diesen Punch nicht regelkonform zu holen. Sie musste damals einen Hämoglobinwert von 16,4 Gramm/Deziliter in ihrem Blut erklären. Damit war der zulässige Grenzwert um 0,4 überschritten. Ein hoher Hämoglobinwert kann, muss aber kein Hinweis auf eine Manipulation mit dem Blutdopingmittel Epo sein. Konsequenz: eine fünftägige Schutzsperre. Erhöhte Hämoglobinwerte seien bei ihr gerade in Höhenlagen die Norm, so argumentierte sie. Ihre Dopingproben in Turin übrigens fielen negativ aus. Seit gestern, ist das nicht mehr wichtig.

Der deutsche Dopingexperte Werner Franke hat die Meldung vom positiven Test bei Sachenbacher-Stehle nicht überrascht (mich auch nicht). „Das ist ja ein Déjà-vu. In Turin 2006 – volle Pulle“, sagte der Heidelberger Professor am Freitag der Nachrichtenagentur dpa. Und: „Ich bin nur überrascht über die Dummheit, dass man sie noch so lange vor dem Wettkampf laufen lässt.“

Biathlon sei eine „versaute Sportart“, sagte Franke. In den vergangenen Jahren seien hier Athleten wegen Dopings „ja serienweise aus dem Wege geräumt worden“. Die Hauptschuldigen für Doping sind nach Meinung des Zell- und Molekularbiologen die Sportmediziner. „Das ist Beihilfe zur Körperverletzung. Die Ärzte müssen bestraft werden!“, forderte Franke und gab zu bedenken: Auch Sachenbacher-Stehle werde schließlich von einem Sportarzt betreut. Der Mann hat Recht!

Warum Doping?

Der Hintergrund des Dopings ist auf einer Ebene komplexer internationaler gesellschaftlicher Konstellationen angesiedelt und dieses ist ein internationales Erscheinungsbild woran sich auch Deutschland in vorderster Reihe beteiligt. Sponsoren geben Geld in den Sport um das wirtschaftlich Wichtige mit Hilfe sportlicher Akteure zu steigern. Der Sport ist nicht nur ein attraktives Werbemedium sondern auch ein interessanter Absatzmarkt für Konsumgüter. Die Sponsoren investieren dort, wo ihrem Erachten nach der größte Nutzen erzielt werden kann und dazu zählt nun mal auch der deutsche Markt.

Ebenfalls subventioniert auch noch die Politik in jedem Land den Spitzensport, vor allem um Aufmerksamkeit für Politiker und deren Wiederwahlinteressen herzustellen. Was eignet sich besser für die Herstellung von „Wir-Gefühlen“ und die Repräsentation des eigenen Landes im Ausland als sportliche Siege auf internationaler Bühne? So versuchen Politiker durch die Nähe zum Sport Eingang in die öffentliche Meinung zu erlangen und durch die Nähe zum Sportpublikum eine Gunst bei zukünftigen Wahlentscheidungen zu gewinnen.

Zu den maßgeblichen Treibern des Dopings zählen ebenfalls korrumpierte internationale Pharmakonzerne, die fünfmal so viel Anabolika und EPO herstellen, wie aus therapeutischen Zwecken eigentlich notwendig wäre. Dieses ebenfalls auf der gesamten internationalen Sportbühne.

Die wichtigsten Konsequenzen aus dem internationalen Beziehungsgeflecht zwischen Spitzensport, Publikum, Wirtschaft und Politik lassen sich wie folgt resümieren: Die Siegesorientierung ist durch die dem Sport von außen verfügbar gemachten Ressourcen geradezu angetrieben worden.

Dopingmöglichkeiten werden von den Sportlern nicht mehr gemäß Fairness-Normen verworfen, sondern unter Kosten/Nutzen-Gesichtspunkten abgewogen und gegebenenfalls klammheimlich ergriffen. Doping ist somit eine vorgeprägte und rationale Wahlhandlung. Sozial als legitim angesehene Ziele wie sportliche Erfolge und Siege werden mit illegitimen Mitteln verfolgt. Die oftmals enormen aber zumeist mit zeitlicher Verzögerung eintretenden gesundheitlichen Risiken werden entweder verdrängt oder zähneknirschend in Kauf genommen. Und dieses auch bei Frau Sachenbacher-Stehle!

Wenn jetzt noch ein Verantwortlicher erklärt: Er kann sich dieses, auch das Doping von Sachenbacher-Stehle, nicht erklären, dann ist er falsch auf seinem Posten und will, darf bzw. kann internationale Zusammenhänge zwischen Doping – Finanzen – Anerkennung – Politik usw. nicht erkennen.