Sir Phillip Craven der Chef des Internationalen Paralympischen Komitees und Organisationschef Sebastian Coe beendeten die 14. Paralympics in London.

Sir Phillip Craven der Chef des Internationalen Paralympischen Komitees und Organisationschef Sebastian Coe beendeten die 14. Paralympics in London.

London/Moskau. Die XIV. Paralympischen Sommerspiele 2012 in London sind mit einer überragenden Abschlussfeier zu Ende gegangen. Das russische Team hat das Ergebnis von Peking 2008 entscheidend überboten. Im Medaillenspiegel wurde nach 503 Entscheidungen ein glanzvoller zweiter Platz belegt. Entscheidend sind aber nicht nur die Medaillen, sondern die Wege dorthin.

Die Paralympics 2012 sind Geschichte, die letzte Entscheidung ist gefallen. Russland gewann zum Abschluss das Finale gegen die Ukraine im Fußball – beim Wettbewerb „7-a-side“ (60 Minuten mit sieben Spielern). Damit ging ein absolutes Fest der Freude und Harmonie für behinderte Sportler zu Ende und das russische Team etablierte sich ganz weit vorne.

Auch die russische Olympia-Mannschaft hatte vor knapp vier Wochen das Abschlussergebnis von Peking 2008 leicht verbessert, aber nicht in diesem Maße wie die russischen Sportler mit einer Behinderung. Vor vier Jahren belegte Russland bei den Paralympics in der Länderwertung den achten Platz mit 18 Gold-, 23 Silber- und 22 Bronzemedaillen. In London regnete es für das Paralympicteam aus Russland 36 Gold-, 38 Silber- und 28 Bronzemedaillen, insgesamt 102 Medaillen und damit Platz zwei in der Länderwertung. Eine einfach grandiose und überwältigende sportliche Leistung!

Hier der Medaillenspiegel

Medaillen sind nicht alles, aber ein Trend

Diese Medaillenaddition sollte aber auch nicht zu wichtig genommen werden, es geht nicht nur um Medaillen im Behindertensport. Trotzdem drücken die Bilanzen doch einiges über die Trends und Zustände in den einzelnen Ländern aus. Bei Olympia lagen die USA vor China auf Platz eins im Medaillenspiegel, jetzt landeten die Amerikaner auf Platz sechs. Bei der Olympia-Show vor einem Monat vorne, bei den Spielen der behinderten Sportler zurück und auch nur am Rande berücksichtigt von Fernsehrechte-Inhaber NBC – das passt schlecht zum moralischen Anspruch der amerikanischen Sportnation.

China dominierte unangefochten die Medaillenwertung der Paralympics, und dieses aus gutem Grund: Im Gegensatz zu anderen Nationen bildet das Land behinderte Menschen systematisch zu Profisportlern aus. Sichtungsturniere und Trainingslager gehören zum Standardprogramm.

Und in Russland? In Russland gibt es mehr als 13 Millionen Menschen mit einer Behinderung. Der Behindertensport besitzt zwischenzeitlich eine hohe gesellschaftliche Relevanz in Russland. Fast zehn Prozent der russischen Bevölkerung lebt mit einer Behinderung. Es ist daher wichtig, dass diese Menschen fühlen, dass sie eine Perspektive im Leben haben.

In Russland hat sich ein Wandel vollzogen

Viele Nichtbehinderte haben nie gelernt, mit behinderten Menschen umzugehen. Eine Inklusion von Behinderten scheiterte deshalb oft an der Einstellung und dem Bewusstsein von nichtbehinderten Menschen – dieses auch ganz speziell im Sportbereich. In Russland hatten die meisten Menschen früher eine konservative Einstellung gegenüber Menschen mit Behinderungen. In den letzten Jahren hat sich in dieser Richtung aber sehr viel zum Positiven geändert.

Ausdruck dafür ist: Die russischen Behindertensportler waren mit der größten Mannschaft aller Zeiten in London vertreten und sie nahmen an noch nie so vielen Sportarten teil. Dieses kommt nicht von irgendwo – in Russland betreiben immer mehr Menschen mit einer Behinderung Sport. Der Sport für behinderte Menschen ist in Russland ein Mittel geworden, Menschen in der Gesellschaft Mut zu machen. Damit sie wieder aufstehen um sich zu bewegen, Sport zu treiben und ein aktives Leben zu führen.

In verschiedenen Regionen Russlands wurden extra dafür neue Zentren eröffnet, die den Behindertensport fördern. Und diese Entwicklung bringt nach und nach erfreuliche Resultate.

Die russischen Medien haben ihre Aufmerksamkeit auch intensiv den Paralympics gewidmet. Früher gab es das in dieser Form überhaupt nicht. Die Erfolge bei den Paralympics in London haben bewirkt, dass die Gesellschaft und die Regierung in Russland ein noch tieferes Bewusstsein für die Behinderten entwickelt hat. Selbstverständlich gibt es auch in Russland noch nicht das „Paradies auf Erden“ für Behinderte, der eingeschlagene Weg zur Inklusion ist aber der Richtige und stimmt sehr optimistisch.

Inklusion: Jeder Mensch erhält die Möglichkeit, sich vollständig und gleichberechtigt an allen gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen. 

Es ist nicht unbedingt wichtig, wer bei den Paralympics gewonnen hat, ja ein bisschen schon, aber dieses vergisst man wieder. Wichtig ist, dass sich alle für eine wichtige Sache engagieren – für die Inklusion von behinderten Menschen in die Gesellschaft.

Die Paralympischen Sommerspiele vom 29. August bis 9. September 2012 in London hatten alle Rekorde gebrochen – sportlich, medial und wirtschaftlich. Über 4.200 Athleten aus 165 Nationen standen in 503 Wettkämpfen und in 20 Sportarten an den Start. 16 Nationen waren erstmals vertreten. Mehr als 2,5 Millionen Eintrittskarten wurden verkauft, es waren die ersten ausverkauften Spiele. Während der Eröffnungs- und Schlussfeier verfolgten rund 750 Millionen Zuschauern weltweit diese Zeremonien vor den Fernsehern.

Sportlich blieben die Paralympics aber sehr wechselhaft und überraschend. Das Klassifizierungssystem, das verschiedene Handicaps in denselben Wettkämpfen zusammenführen soll, muss dringend geprüft werden. Die Diskussionen um Prothesen und Rollstühle wird Sportler, Funktionäre und Wissenschaftler weiterhin beschäftigen.

Die Organisatoren feierten somit die 14. Sommer-Paralympics in London als die erfolgreichsten Spiele der Geschichte. Viel wichtiger war aber – von Anfang an gab es im Organisationskomitee keine Trennung zwischen Olympia und Paralympics, es gab nur einen gemeinsamen Weg. Diese Botschaft muss überall in den Gesellschaften ankommen. In Russland ist dieses teilweise schon sehr weit vorangeschritten. Ein weiterer Beweis dafür: Sotschi, als Gastgeber von Olympia und Paralympics 2014 wird eine der barrierefreisten Städte auf der ganzen Welt sein. Inklusion ist in Russland angekommen und wird erfolgreich umgesetzt, davon können sich andere Industrienationen eine dicke Scheibe abschneiden.