Eine moderne Sporthalle ist kein Garant für einen Olympiaerfolg wenn sie leer ist.

Eine moderne Sporthalle ist kein Garant für einen Olympiaerfolg wenn sie leer ist.

London. Am Montag hat Russland mit drei Goldmedaillen ein „Goldsegen“ bei den Olympischen Spielen in London ereilt. Jedenfalls wenn man in Betracht zieht, dass die Sportnation Russland in neun Wettkampftagen gerade vier Olympiasieger zu verbuchen hatte. Auch deshalb werden erste unangenehme Fragen über das Abschneiden russischer Sportler in London laut. Wo liegt Russlands Zukunft im Sport?

Vor Beginn der Olympischen Spiele hatte Sportminister Witali Mutko 20 bis 30 Olympiasiege als Ziel verkündet. Platz drei sollte es in der Länderwertung werden. Dieses durchaus realistische Ziel kann aber nicht mehr erreicht werden. Im Moment hat Russland erst sieben Goldmedaillen auf der Habenseite und liegt auf Platz sechs in der Nationenwertung. Gastgeber Großbritannien hat mit bisher 18 Olympiasiegen, den von Russland anvisierten dritten Platz, ganz fest in der Hand. Die russische Medaillenbilanz von den letzten Olympischen Spielen in Peking mit 23 Goldmedaillen dürfte wohl auch nicht mehr zu erreichen sein.

Selbstverständlich hat Russland insgesamt bereits 42 Medaillen (7 x Gold, 17 x Silber, 18 x Bronze) gewonnen und liegt in dieser Wertung sogar auf Platz drei – hinter China (64) und den USA (63). Auch ein zweiter oder dritter Platz berechtigt um auf dem Siegerpodest zu stehen. Der Athlet, der Zweiter oder Dritter bei einem sportlichen Wettkampf wird, hat nicht verloren – der Sportler hat eine Silber- oder Bronzemedaille gewonnen. Nur dieses steht alles nicht im Verhältnis zu den hochgesteckten Zielen, die Verantwortliche in Russland vor Beginn von Olympia geäußert hatten und somit eine gewisse Euphorie bei Sportfans ausgelöst hatten.

Verantwortliche machen angeblich alles richtig

Statt jetzt aber eine vernünftige Ursachenforschung anzustellen, werden martialische Sprüche geäußert. „Wir sind jetzt praktisch wie im Krieg. Das Wichtigste ist, die Heimat zu verteidigen. Die Konsequenzen ziehen wir später“, sagt Sportminister Witali Mutko, wie die Nachrichtenagentur „dpa“ meldet. Auch die Aussage vom Präsidenten des Olympischen Komitees Russlands, Alexander Schukow, ist ganz bestimmt nicht dienlich: „Unsere früheren Landsleute schnappen uns viele Medaillen weg.“ Falls es Herrn Schukow noch nicht aufgefallen sein sollte, diese früheren Landsleute haben heute ihre eigene Staatsbürgerschaft und leben heute in selbstständigen Nationen – Kasachstan, Usbekistan usw..

Medien in Russland versuchen krampfhaft die Fans zu vertrösten und versprechen einen Goldsegen in den verbleibenden sechs Wettkampftagen. Aber wo sollen diese ersten Plätze noch herkommen? Hoffnungsträgerin Jelena Issinbajewa hat am Montagabend auch „nur“ einen dritten Platz im Stabhochsprung belegt. Es wird noch die eine und andere Goldmedaille für Russland geben, so zum Beispiel bei den Synchronschwimmerinnen und in der rhythmischen Sportgymnastik, durch Jewgenia Kanajewa. Im Endeffekt wird Russland aber weit hinter den ausgerufenen Zielen bleiben.

Schukow kündigte bereits Veränderungen an, um die russischen Sportler für die nächsten Sommerspiele in Brasilien wieder in die Erfolgsspur zu bringen. Er will dafür die besten Trainer der Welt nach Russland lotsen. „Vom Trainer hängt sehr viel ab“, sagte Schukow. Das stimmt, nur ist es der richtige Weg um Kinder und Jugendliche in Russland wieder für den Sport zu begeistern?

Kinder und Jugendliche haben nur noch wenig Interesse am Sport

Da bleibt auch die Frage: Ob Verantwortliche vor Beginn der Olympischen Spiele besser den Mund nicht so voll genommen hätten? Sportminister Mutko sagte, dass er als Minister dafür zuständig ist, die Bedingungen für sportliche Erfolge zu schaffen. Und nichts anderes habe er getan. Die Wahrheit sieht aber in Russland folgend aus: Es gibt nur noch wenig Ernsthaftigkeit, mit der Sport betrachtet wird. Im Fernsehen ist immer weniger Sport zu sehen. Das Wissen und Interesse an einem gesunden Lebensstil wird auch immer geringer. Heute sitzen die Jugendlichen lieber vor ihren Computer und surfen im Internet. Niemand will trainieren. Werbung sieht man hauptsächlich für Alkohol und Zigaretten. Niemand möchte mehr etwas machen.

Während seiner Präsidentschaft sagte Dmitri Medwedew, dass nur 20 Prozent der Schüler am Sport teilnehmen. Trainer sagen dagegen, dass bestenfalls gerade einmal zwei Prozent teilnehmen und trainieren. Die meisten Menschen, welche heute in Vereinen trainieren, sind älter und haben einen gewissen Status. Sie haben verstanden, dass Übung wichtig ist, dass es wichtig ist, sich um seine Gesundheit zu kümmern. Es werden in Russland immer mehr Vereine geschlossen. Und wenn mal einer neu eröffnet wird, ist es um zu sagen: Schaut, wir haben einen Verein und Sportplatz. Aber wer trainiert dort – nur wenige Menschen. Entweder weil Eintritt verlangt wird oder aus einem reinen Desinteresse. Die meisten sitzen lieber zu Hause oder sehen zu, wie trainiert wird.

Kindersport ist zu einer bezahlten Aktivität geworden. Aber viele haben nicht das Geld, um dafür zu zahlen. Wenn Sport früher etwas gekostet hätte, wären viele russische Spitzen-Sportler nie zu ihren Ehren gekommen, weil die Eltern nie das Geld gehabt hatten, um das zu zahlen. Viele Kinder und Jugendliche wollen auch noch heute den sportlichen Wettbewerb, aber sie können einfach nicht daran teilnehmen, es fehlt das Geld.

Sport muss sich den veränderten Bedürfnissen anpassen

 

Mit dem Wandel der Gesellschaft ändert sich auch die Bedeutung des Sports. Sportvereine müssen sich den veränderten Lebensumständen der Menschen anpassen, sie in ihren Lebenswelten abholen und sich in Angebotsstruktur und Organisation ihren Bedürfnissen anpassen. Die Lebenswelt der Menschen erfordert viel Flexibilität und ist auf ständige Selbstoptimierung ausgerichtet. Demzufolge liegen die Herausforderungen für Sportvereine darin, ganzheitliche Sport- und Gesundheitskonzepte über klassische Sparten hinaus anzubieten und flexible Angebote und Mitgliedschaftskonzepte bereitzustellen, die den Zugang erleichtern.

Dazu gehören auch neue Konzepte im Freiwilligenmanagement. Die Potentiale von Sport und Freiwilligenagenturen zukünftig zu nutzen und bei der Gewinnung und Qualifizierung von Freiwilligen, bei Organisations- und Personalentwicklungen oder beim Freiwilligenmanagement konstruktiv zusammenzuarbeiten. Der Sport ist der größte Anbieter von bürgerschaftlichem Engagement. Aber das hat Herr Mutko alles bereits getan, wie er selbst äußerte.

sotschi-2014.RU