Wochenendlicher Wahnsinn in russischen Fußball-Stadien, hier bei Rubin Kasan. Foto: redwhite.ru

Wochenendlicher Wahnsinn in russischen Fußball-Stadien, hier bei Rubin Kasan. Foto: redwhite.ru

Moskau. Die Fußball Premier-Liga in Russland besitzt ein massives Rassismusproblem. Fußball und Gewalt sind in vielen Fußball-Stadien in Russland leider eine untrennbare Einheit geworden. Die hässliche Fratze des Rassismus macht mehr und mehr beim Fußball in Russland den Clubs zu schaffen und das Spiel für manchen Spieler unerträglich. Der russische Fußballverband reagiert dagegen mit milden Strafen.

Fußball ist in Russland eine sehr beliebte Sportart. Die größten internationalen Erfolge waren bisher der Gewinn der EM 1960 durch die sowjetische Nationalmannschaft sowie die UEFA-Pokal-Siege von ZSKA Moskau (2005) und Zenit Sankt Petersburg (2008) und der Halbfinaleinzug bei der EM 2008. Was sich aber immer wieder in sogenannten „Fan-Blöcken“ in russischen Fußball-Stadien abspielt, ist sehr unwürdig.

Zenit St. Petersburg wurde gerade zu einer Geldstrafe in Höhe von nur 10.000 US-Dollar vom Fußballverband der Russischen Föderation (RFS) verurteilt. Grund war, dass ein sogenannter „Fußball-Fan“ dem brasilianischen Fußballer Roberto Carlos von Anschi Machatschkala eine geschälte Banane anbot.

Dem RFS und seinen Kontrollorganen ist ganz klar der Vorwurf zu machen, dass für rassistisches Verhalten einiger Idioten die Vereine nur mit ganz geringen Strafen belegt werden. Am 17. Spieltag randalierten in Machatschkala beim Spiel des einheimischen Anschi gegen Zenit St. Petersburg viele hundert Hooligans beider Vereine. Es kam zu einer massiven Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung. Der Verein Anschi Machatschkala musste dafür zwei Spiele der Premier Liga in einem neutralen Stadion in einer anderen Stadt austragen. Weiterhin musste der Verein lediglich 500.000 Rubel (12.500 €) Strafe bezahlen. Diese Summe nimmt das Management von Anschi aus seiner „Portokasse“.

Beim Spiel von Spartak Moskau gegen Kuban Krasnodar am 18. Spieltag im Luschniki-Stadion in Moskau wurden von sogenannten Spartak „Fans“ pyrotechnische Erzeugnisse abgebrannt und obszöne Gesänge gegen die Fans von Kuban angestimmt. Dafür musste der Verein gerade einmal 190.000 Rubel (4.750 €) Strafe berappen.

 

In St. Petersburg bei Zenit wird sogar die Polizei verhöhnt. Foto: Sergej Dronajew

Dynamo Moskau musste ebenfalls für das Abbrennen pyrotechnischer Erzeugnisse, für beleidigende Gesänge und das unerlaubte Betreten der Rasenfläche durch seine „Fans“ beim Spiel gegen Wolga Nischni Nowgorod am 18. Spieltag im heimischen Dynamo Stadion 150.000 Rubel (3.750 €) Strafe bezahlen.

ZSKA Moskau kam mit 200.000 Rubel (5.000 €) davon. Im Spiel bei FK Krasnodar setzen auch hier unberechenbare „Fans“ Feuerwerkskörper ein und stimmten beleidigende, rassistische Gesänge an.

Experten erheben schwere Vorwürfe gegen den Verband und die Clubs. „Niemand kümmert sich darum“, sagte der Ex-Nationalspieler (für die Sowjetunion) Jewgeni Lowtschew. Die Sport-Experten fordern jetzt höhere Strafen für Anhänger und Vereine bis hin zu lebenslangen Stadienverboten oder Punktabzügen.

Rassistische Fans sind in russischen Fußball-Stadien ständig anwesend. Auch bei Krylja Samara wurde Roberto Carlos mit Bananen beworfen. Der brasilianische Ex-Nationalspieler verließ tränenüberströmt das Spielfeld. Der Täter, der sich später stellte, kam ohne Konsequenz davon. Der Wurf habe keinen rassistischen Hintergrund gehabt, teilte der Verein einfach so mit.

Spieler, die nicht so hart beseidelt sind, sind bereits vor dem Rassismus, aus der Premier-Liga geflohen. Der aus Niger stammende Ouwo Moussa Maazou verließ ZSKA Moskau, nach fünfzehn Spielen auf Leihbasis zu anderen europäischen Vereinen, momentan beim belgischen Verein SV Zulte Waregem – er war in vielen Fußballspielen rassistisch beleidigt worden. Die Moskauer gaben 4,8 Millionen Euro für Maazou aus.

Spartak Moskau hat nach Ansicht von Experten die radikalsten Gruppen. Ironie ist, dass der 25-jährige dunkelhäutige Brasilianer Welliton seit 2007 ein Führungsspieler bei Spartak ist. Welliton gilt als eines der größten Sturmtalente Brasiliens. Aufgrund seiner Flexibilität kann er auch im Mittelfeld eingesetzt werden.

Spartak-Idioten studierten auch Bewegungen zu Ehren von Adolf Hitler ein. Ständig sind Transparente mit Texten wie „Spartak ist nur für Weiße“ oder „Affen, haut ab“ zu sehen, wo Spartak-Anhänger auftauchen.

 

Auch bei ZSKA Moskau sieht es nicht besser aus. Foto: Sergej Dronajew

Auch Nazi-Symbole sind in vielen Stadien Standard. Die Fans sind oft eng mit ultranationalistischen oder rassistischen Gruppen verbunden. Im Dezember 2010 wurde ein Spartak-Fan in Moskau im Streit um ein Taxi von einem Kaukasier getötet.

 

Danach randalierten mehrere Tausend Hooligans und Rechtsradikale auf einem Platz nahe des Kremls und machten im Stadtzentrum von Moskau Jagd auf alle, die nicht in ihr Gesinnungsbild passen.

„Grundsätzlich ist Rassismus in Russland das Ergebnis fehlender Fanarbeit“, sagte der Sportjournalist Juri Sokolow gegenüber der Agentur Rosbalt. „Die Fans machen auf den Rängen, was sie wollen.“

Spartak Moskau will nun eine Organisation gründen, die Rassismus und ebenfalls weit verbreitete Probleme wie Antisemitismus und Schwulenhass bekämpfen soll. „Der Fußballverband hat offenbar keine Ahnung, wie ernst das Problem ist“, sagt Spartak-Sprecher Leonid Trachtenberg der Online-Zeitung „Wsgljad“. Mit regelmäßigen Aktionen will Spartak nun Vorreiter im Kampf gegen Rassismus und Gewalt sein.

Gewehrt hat sich Christopher Samba. Abwehrspieler Samba, ebenfalls von Anschi Machatschkala, wurde im vergangenen Monat im Spiel gegen Lokomotive Moskau mit Bananen beworfen und warf diese umgehend in den „Fanblock“ zurück. Der frühere Profi des Bundesligisten Hertha BSC wollte damit zeigen, dass er sich nicht von rassistischen Aktionen gegen seine Person einschüchtern lässt.

‚Schöner‘ Empfang von Zenit für ZSKA. Foto: Sergej Dronajew

 

„Ich engagiere mich schon immer gegen Rassismus. Ich habe einen starken Charakter und werde mich wehren. Solche Aktionen beeinträchtigen meine Leistung nicht“, sagte der kongolesische Nationalspieler zur Nachrichtenagentur AP.

Harald Gleißner / sotschi-2014.RU